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Steinwildmarkierung im Prättigau Die Universität Zürich untersucht die genetische Variabilität der Steinwildkolonien in der Schweiz. Zurzeit laufen solche Untersuchungen mit Probe-Entnahmen in Graubünden. Im vergangenen Oktober begleitete ich die Wildhut der Region Prättigau auf einem solchen Einsatz.
06 00 Uhr in der Früh Es ist noch dunkel und nebelverhangen, als wir uns auf einem Parkplatz im vorderen Prättigau treffen. Wir, dass heisst; der zuständige Wildhüter des Jagdbezirkes ‚Prättigau’, Heinz Guler, Jagdaufseher Martin Gujan und Niklaus Flütsch, sowie die jungen Biologinnen, Iris Biebach und Christine Grossen, der Universität Zürich und Lausanne. Der Auftrag ist klar, es sollen genetische Proben von Steinwild gesammelt und die Tiere gleichzeitig markiert werden. Die Rucksäcke sind schnell umgeladen und schon geht es mit zwei Geländefahrzeugen in ein Seitental des Prättigaus. Das Ziel ist die Steinwildkolonie am Rätikon, die ca. 120 Stück Steinwild umfasst. Das Bergmassiv des Rätikons bildet die Landesgrenze zwischen der Schweiz und Österreich und erreicht mit dem Gipfel der Schesaplana denn höchsten Punkt mit knapp 3000 M.ü.M. Auf der Fahrt wird der Nebel immer dichter und erste Bedenken werden laut, denn im Nebel lässt sich das Steinwild nur schwer finden. Die Fahrt endet nach einer Dreiviertelstunde über der Waldgrenze. Das Erkennen der letzten untergehenden Sterne durch den sich auflösenden Nebel lässt doch noch auf einen schönen Tag hoffen. Nun heisst es die Rucksäcke umzupacken, denn für die Untersuchungen im Feld ist eine umfangreiche Ausrüstung nötig. Die Utensilien werden auf die sechs Rucksäcke verteilt. Trotz des hohen Packgewichtes stehen auch die weiblichen Begleiterinnen ihren ‚Mann’ und es geht zügig bergan. Unterwegs für die Wissenschaft Auf dem steilen Anstieg ist in der Morgendämmerung von Weitem das Kollern eines Birkhahnes zu vernehmen, dass sich wie das Gluggern eines Bergbaches anhört. Je höher wir steigen, umso mehr lassen wir den Nebel unter uns. Oberhalb der Nebelgrenze werden wir mit einem einmaligen Ausblick belohnt. Auf den Kalk-Zinnen des Rätikonmassivs breiten sich langsam die ersten Sonnenstrahlen aus. Kaiserwetter. Es dauert nicht lange und die ortskundigen Führer finden mit dem Fernglas auf den schmalen Gras-Simsen erstes Steinwild. Je zwei Böcke der Jugend- und Mittelklasse. Nach kurzer Besprechung entscheidet der Wildhüter die beiden Mittelklasse-Böcke anzugehen. Steinwild im Gelände zu narkotisieren erfordert viel Erfahrung, denn bei einer Beschiessung mit Narkosepfeilen dauert es noch fünf bis zehn Minuten bis das Wild „schläft“. Darum kann eine Narkotisierung nur in sicherem Gelände erfolgen um Abstürze auszuschliessen. In der Zwischenzeit sind wir bis auf ca. hundert Meter an die Böcke herangekommen. Da in dieser Kolonie in den letzten Jahren die Jagd ruhte, zeigen die Steintiere kaum scheu vor dem Menschen. Während wir zurückbleiben, steigen die beiden Jagdaufseher mit dem Narkosegewehr den Böcken langsam nach. Scheinbar mühelos und ohne Beachtung zu finden können sie sich den Böcken bis auf wenige Meter nähern. Zwanzig Meter sind eine ideale Distanz um die Spritze aus dem Narkose-Gewehr zu verschiessen. Ein kurzes Zischen und die Spritze ist aus dem Lauf. Im Fernglas kann ich die roten Stabilisatoren der Spritze auf dem Blatt des Steinbockes erkennen. Sie sitzt perfekt. Den Steinbock scheint die Spritze nicht sonderlich zu stören, quittierte er den Beschuss doch nur mit einer kurzen Flucht um gleich wieder zu äsen. Aber nicht lange. Bereits nach drei Minuten zeigen sich Gleichgewichtsstörungen und nach weiteren vier Minuten legt sich der Bock nieder. Jetzt heisst es schnell handeln. Feldlazarett Kurze Zeit später stehen wir vor dem Bock, der mit offenen Augen und ruhig atmend, bewegungslos auf der Seite liegt. Das Team ist eingespielt und ohne Zeit zu verlieren wird dem Bock eine Augenbinde umgelegt und die Läufe, zur Sicherheit, zusammengebunden. Die Biologinnen stellen das Alter, sowie den Allgemeinzustand fest. Ein Wiegen scheidet aus, da es das Gelände und das Gewicht des Bockes nicht zulassen. Währenddessen bereitet der Wildhüter die Ohrmarken und die Sichtmarkierung für das Horn vor. Mit Hilfe der Markierung soll vor allem das Wanderverhalten der Tiere dokumentiert werden. Für den genetischen Untersuch wird venös Blut abgezapft. Für die Biologinnen ist es nicht einfach im dichten Winterhaar die Halsschlagader zu finden. Aber im zweiten Anlauf klappt auch das. Mit Tupfern wird zudem Augenflüssigkeit gesammelt. Diese Proben werden später im Labor auf Erreger der Gemsblindheit untersucht. Nach dreissig Minuten sind alle Proben entnommen und der Bock mit farbigen Marken gekennzeichnet. Jetzt wird ein Gegenmittel gespritzt um den Bock möglich schnell wieder mobil werden zu lassen. Das Mittel verfehlt seine Wirkung nicht und es dauert nur kurze Zeit bis der „Patient“ auf die Läufe kommt. Etwas unsicher und mit bunten Lauschern verlässt dieser das „Feldlazarett“. Das Steinwildprojekt „Modul Genetik“ Die Schweizer Steinwildkolonien wuchsen über Jahrzehnte an. Trotzdem zeigen einzelne Kolonien in jüngster Zeit, wie die Kolonie am Rätikon, rückläufige Bestände auf. Bejagung, Witterungsverhältnisse, Krankheiten oder Konkurrenz durch Haustiere können mögliche Ursachen sein. Wie weit die genetische „Verarmung“ eine Rolle spielt, sollen die Untersuchungen aufzeigen. Blickt man auf die Aussetzungsgeschichte zurück, so könnten genetische Probleme durchaus mitverantwortlich sein für die Populationsrückgänge. Schweizer Steinwildpopulationen lassen sich in drei genetische Gruppen unterteilen, die den Ursprung in den Kolonien am Mont Pleureur, Piz Albris und dem Brienzer Rothorn haben. Mit Tieren dieser drei Kolonien wurde der gesamte schweizerische Alpenraum besiedelt. Der Aufbau ganzer Kolonien mit einer Anzahl weniger Tiere führt unweigerlich zur Inzucht, zu sogenannten „Flaschenhälsen“ innerhalb einer Population. Die ersten Inzuchtberechnungen ergaben für das Steinwild einen fast doppelt so hohen Inzuchtgrad wie er für Schafrassen berechnet wurde. Verlust von genetischer Vielfalt kann auf lange Sicht zu Problemen in der Anpassungsfähigkeit an veränderten Umweltbedingungen führen. Die Ergebnisse der genetischen Auswertungen sollen bei zukünftigen Aufstockungen von Populationen helfen, Tiere auszuwählen die nicht, oder nur wenig ähnliches Erbgut tragen. Finanziert wird das Projekt vom BAFU (Bundesamt für Umwelt).
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