Der Wanderfalke – ein Jäger im Aufwärtstrend

 

Mitte des letzten Jahrhunderts stand der Wanderfalke europaweit kurz vor der Ausrottung. Nicht etwa die Jagd, sondern Insektizide wie DDT brachten diesen faszinierenden Greifvogel auf die Rote Liste.  Auch die Bestände im Kanton Graubünden waren davon betroffen. Wie geht es dem Wanderfalken heute?  

 

Text und Fotos Kurt Gansner

 

186 Km/Std im Sturzflug

 

„Der Wanderfalk ist ein mutiger, starker und äußerst gewandter Vogel und sein kräftiger Körperbau und sein blitzendes Auge beurkunden dies auf den ersten Anblick“.

Mit diesem treffenden Satz beschrieb 1882 der bekannte Tierforscher Christian Ludwig Brehm den Wanderfalken in seiner zweiten Ausgabe „Brehms Tierleben“. Tatsächlich gilt der Wanderfalke als schnellster Jäger in der Tierwelt. Seine Sturzflüge sind spektakulär und begeistern nicht nur Ornithologen. Mit einem Radar der Schweizerischen Vogelwarte wurden so imposante 186 Km/Std. gemessen. Der Greifvogel ist aber nicht nur ein Luftakrobat, sondern auch sehr anpassungsfähig was sein Verbreitungsgebiet betrifft. Der Wanderfalke ist die am weitesten verbreitete Vogelart der Welt. Er besiedelt bis auf die Antarktika alle Kontinente. Seine Schnelligkeit und Wendigkeit prädestinieren den Greifvogel als hervorragenden Vogeljäger. Zu seiner bevorzugten Beute gehören Tauben, Möwen, Stare und Drosseln. Da eine gedeckte Annäherung im freien Luftraum nicht möglich ist, wird der Überraschungsmoment durch die Annäherung mit größtmöglicher Geschwindigkeit erreicht. Der Beute bleibt meist nur ein sehr kurzes Zeitfenster zur Reaktion. Im rasanten Sturzflug wird dabei der Beutevogel sprichwörtlich „gerammt“. Beim Aufprall in der Luft wird der Beute so vielfach das Genick gebrochen. Am Boden wird diese an Ort und Stelle gekröpft. Nur kleinere Vögel vermag der ca. 43 cm grosse Falke davonzutragen. Wie bei anderen Greifvogelarten ist das Weibchen deutlich grösser und in der Lage auch grössere Beutetiere, wie z.B. Enten, zu schlagen. Der Falke brütet in unseren Regionen bevorzugt in unzugänglichen, nach Süden exponierten Felswänden. Dort werden im Februar/März in geschützten Felssimsen, auf sandigem Untergrund, drei bis fünf Eier gelegt. Ein Nest wird dabei nicht gebaut, höchstens eine Nestmulde gescharrt. Gerne werden aber auch verlassene Kolkraben- oder Adlerhorste angenommen. Nach rund 28 Tagen schlüpfen die Jungen. Diese verlassen nach weiteren 50 Tagen Nestlingszeit den Horst.

Trotz der weiten Verbreitung und Anpassungsfähigkeit fielen die Wanderfalken -populationen nach 1950 europaweit zusammen. Auch in der Schweiz wurde dieses Phänomen beobachtet und 1971 konnte in der Schweiz, mit einer Ausnahme, keine  Wanderfalkenbrut mehr bestätigt werden. Obwohl der Falke von Taubenzüchtern immer wieder intensiv verfolgt wurde und auch die Eier und Nestjungen nicht vor dem Menschen sicher waren, lag der Grund für den rasanten Rückgang nicht alleine in dieser Thematik.

 

 

Wanderfalke beim Anflug einer gewohnten Sitzwarte. Die Greifvögel benutzen

immer wieder dieselben Aussichtspunkte in ihrem Revier. 

 

 

DDT und seine Folgen

 

Dichlordiphenyltrichlorethan, oder kurz DDT ist ein Insektizid, dass seit 1940 weltweit eingesetzt wurde.  Es war über Jahrzehnte das  meistverwendete Insektizid in der Land- und Forstwirtschaft. In der Schweiz wurde das Gift so auch zur Bekämpfung der Maikäfer eingesetzt und mit Flugzeugen versprüht. Aber auch als Mittel gegen Kopfläuse, Ratten oder als Fliegenschutz im Kuhstall erfuhr das Gift in den Nachkriegsjahren einen regelrechten Aufschwung. Die Euphorie endete aber anfangs der 60iger Jahre, als das Gift negativ in die Schlagzeilen geriet. Die Insekten zeigten eine immer höhere Resistenz, was eine stetige Erhöhung der Dosierung nach sich zog. Fisch- und Amphibiensterben wurden auf den Einsatz des Giftes zurückgeführt und auch in Lebensmitteln, wie zum Beispiel in Emmentalerkäse, konnte plötzlich DDT nachgewiesen werden. Damit aber nicht genug, auch in der Milch von stillenden Müttern und im Fettgewebe von Pinguinen wurde DDT gefunden. Das Gift fand den Weg über die Nahrungskette zum Menschen und wurde somit zu einem globalen Thema.    

Dass das Gift ebenfalls einen Zusammenhang mit dem Rückgang der Wanderfalken hatte, wurde in dieser Zeit in unfangreichen Untersuchungen, vor allem in Grossbritanien, nachgewiesen. Das DDT gelangte über die insektenfressenden Beutevögel, sprich Nahrungskette, zum Wanderfalken und beeinflusste so dessen Stoffwechsel. Es wurde festgestellt, dass die Eierschalendicke mit dem Gehalt des DDT in den Eiern in direktem Zusammenhang stand.

Wanderfalkenpopulationen, deren durchschnittliche Eierschalendicken um 17 % oder mehr verringert waren, gingen stark zurück oder starben aus. Aber auch ein vermehrtes Absterben der Embryonen wurde festgestellt. Dieses Phänomen betraf auch andere Greifvogelarten, wie etwa den Sperber.

In den 70iger Jahren wurde dann das DDT in den meisten westlichen Industrieländern verboten. Seit dem Inkrafttreten der Stockholmer Konvention im Jahre 2004 sind Herstellung und Verwendung weltweit nur noch zur Bekämpfung von krankheitsübertragenden Insekten, insbesondere der Malariaüberträger, zulässig.

 

 

 

 

Das Bündner Rheintal ist ein typischer Lebensraum des Wanderfalken.

Auf der Jagd können die Falken bis weit über die Waldgrenze hinaus

beobachtet werden. Während den Wintermonaten bleiben adulte Vögel

in der Nähe ihrer Brutgebiete.

 

 

Die Bestände im Kanton Graubünden

 

Auch die Wanderfalkenpopulationen in Graubünden waren betroffen, wenngleich auch nicht in dem Masse wie in Regionen mit intensiver Landwirtschaft. Genaue Bestandeszahlen, oder verlässliche Berichte über die Bestandesrückgänge fehlen aber aus dieser Zeit. Anfangs der 80iger Jahre erholten sich die Bestände langsam vom sogenannten "DDT-Crash".

1996 nahm sich die OAG (Ornithologische Arbeitsgruppe Graubünden) des Wanderfalken an. Andreas Kofler aus Malix leitet diese Arbeitsgruppe und trägt die gesammelten Daten zusammen. Rund tausend Einzelbeobachtungen konnten so in den letzten zehn Jahren registriert werden. Von besonderem Interesse sind dabei natürlich Brutnachweise. Zwanzig regelmässige Brutstandorte, resp. Brutpaare, konnten bis zum Zeitpunkt im Kanton eruiert werden. Fünfzehn weitere potentielle Horststandorte sind bekannt. Der höchste Horst wurde im Engadin auf rund 1800 M.ü.M. festgestellt. Das Hauptverbreitungsgebiet liegt aber in Lagen zwischen 600 und 1200 M.ü.M. Den grössten Teil der Beobachtungen betreffen dabei das Bündner Rheintal, was für die Lebensraumqualität spricht. Die Mitglieder der OAG leisten mit ihrer Tätigkeit einen wichtigen Beitrag zum Schutz des Wanderfalken.

Wenn im Moment auch keine direkte Bedrohung mehr durch Umweltgifte besteht, so sind es heute andere Gefahren, die den Bestand negativ beeinflussen können. Besonders Störungen am Horst beeinflussen das Brutgeschäft negativ. Bei wiederkehrenden Störungen wird die Brut aufgeben. Betroffen davon sind vor allem Kletterwände, die auch vom Wanderfalken als Horststandort genutzt werden. Hier besteht sicher Handlungsbedarf und die Entwicklung muss überwacht werden.

Trotz dem erfreulichen Aufwärtstrend gilt die Greifvogelart weiterhin als gefährdet und der Kanton Graubünden trägt dabei eine besondere Verantwortung.

 

 

 

 

Als Horststandorte kommen steile, unzugängliche und

in der Regel südexponierte Felswände in Frage.

 

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